... Von der Oberguriger Papiermühle zur Papierfabrik ...


In alten Schriften wurde Obergurig immer als ein Dorf mit zwei Mühlen beschrieben. Diese Mühlen waren schon vor vielen hundert Jahren eine Öl- /Getreidemühle und eine Papiermühle.
Im 16. Jahrhundert war durch den gestiegenen Papierverbrauch, z.B. für den Buchdruck, der Bau von Papiermühlen eine beliebte Kapitalanlage bei finanzkräftigen Leuten, so auch in Obergurig.
Die Oberguriger Papiermühle wird bereits 1556 erwähnt. Sie gehörte in der Folgezeit u .a. einer Familie Schaffhirt, deren zahlreiche Verwandtschaft in Sachsen und Böhmen viele Papiermühlen, so auch in Bautzen besaß.
1805 kaufte Carl Friedrich August Fischer die Papiermühle in Obergurig.
Unter denen im Spreetal nach und nach entstandenen Papierherstellungsstätten, welche im Jahre 1872 in dem großen Industrieunternehmen "Vereinigte Bautzner Papierfabriken" einen Zusammenschluss fanden, ist die Oberguriger eine der ältesten Papierfabriken.


Wasserzeichen aus den Jahren 1637 und 1647 der Oberguriger Papiermühle



1620 erhält Martin Hentzschel, der Schwager von A. Schaffhirt, vom Kurfürsten Johann Georg I. das Privileg, als Wasserzeichen für seine Fabrikate einen Hirschkopf zu benutzen und das Recht, in den Bezirken der Ämter Stolpen und Hohnstein Lumpen und Hadern zur Papierherstellung sammeln zu lassen.

Dabei achtete die sächsische Regierung darauf, daß nicht schon bestehende Rechte anderer Papiermühlen beeinträchtigt wurden.Die Papierherstellung in Obergurig im "Büttenbetrieb" blühte auf und wurde landesweit bekannt.
Im 30jährigen Krieg (1618-1648) verfiel die Anlage derart, dass die Produktion von Papier nicht weiter fortgeführt werden konnte.
Der Betrieb konnte erst 1645 wieder anlaufen, als Alexander Schaffhirt die Papiermühle kaufte und sanierte.


Papiermühle in alter Zeit. Nach einem Kupferstich aus dem Jahre 1661.

A: Antriebsmühlrad
B und C: Antriebswelle mit Nocken, mit deren Hilfe die einzelnen Holzhämmer des Stampfwerks angehoben werden.
D und E: Die einzelnen Hämmer zweiergetrennter Stampfwerke.
F: Die Gautschpresse mit dem Gautscher, der die geschöpften Bogen auspreßt.
G: Bütte mit dem dahinterstehenden Papiermacher, der den Schöpfrahmen in der Hand hält.



Die Oberguriger Fabrik hatte um 1830 zehn Wasserräder und 1842 wurde die erste Papiermaschine aufgestellt.
Die neuen Maschinen hatten eine Arbeitsbreite von 1,90 m und eine Laufgeschwindigkeit von 60 m in der Minute.
Im Verlauf der weiteren Jahre wurden die Arbeitsbreite und die Laufgeschwindigkeit noch gesteigert. 1862 wurden die Papierfabriken in Bautzen und Obergurig zur Firma "Carl Friedrich Adolf Fischer zu Budissin" zusammengeschlossen.

In Obergurig wurde kein Zeitungspapier, sondern Feinpapier hergestellt, das sich zum Be- drucken von Wertpapieren und Dokumenten eignete.
Das notwendige Wasser wurde in zwei Klärbecken (jetzt als Skaterbahn umgebaut) aufbereitet.
Das Papier hatte Weltmarktqualität und ging auch nach Schweden, Frankreich und Brasilien.

Der Stundenlohn für den Arbeiter lag 1907 zwischen 0,25 und 0,40 Reichsmark, 1943 zwischen 0,60 und 1,00 Reichsmark.
Bis 1910 wurde in 2 Schichten von je 12 Stunden gearbeitet, ab 1910 in 3 Schichten zu je 8 Stunden, denn der Lauf der Papiermaschinen sollte nicht unnötig für mehrere Stunden unterbrochen werden, nur so konnte Energie und Wasser gespart werden.
Die Papiermühle wurde auch von allerlei Unheil betroffen, so durch Überschwemmungen der Spree in den Jahren 1850, 1860 und 1897 und brannte 1910 völlig aus.
Dieser Brand legte die Produktion bis 1911 lahm.
Da die Bautzener Papierfabrik 1908 ebenfalls ausgebrannt war und beide Brände an einem Sonntag begannen, gab es Gerüchte über eine absichtliche Brandstiftung, um durch die Versicherungssummen eine noch modernere Produktion zu ermöglichen.


Ehemaliges Direktorenhaus, erbaut 1821

Trotz Inflation nach dem 1. Weltkrieg ging es immer weiter aufwärts.
Einen jähen Rückgang für den Betrieb gab es durch den 2. Weltkrieg.
Viele Fachkräfte wurden als Soldaten eingezogen und der Betrieb wurde durch Frauen weiter betrieben.
Nach Ende des Krieges 1945 wurden die Maschinen und Anlagen der Papierfabrik demontiert und gingen als Reparationszahlung in die Sowjetunion.
Das Gebäude übernahm das Mähdrescherwerk in Singwitz.

Die gegenüberliegende Villa des letzten Direktors, Herrn Schwarz, übernahm die Gemeinde und richtete dort den Kindergarten ein.
Dieses Herrenhaus wurde 1821 als Wohnhaus für den Papierfabrikbesitzer Fischer gebaut.

Das Terrain der Papierfabrik zerfiel nach 1989, da es nicht mehr genutzt wurde.

2002 kaufte die Gemeinde Obergurig die Industriebrache und mit Hilfe von Fördermitteln, u. a. der EU und des Landes Sachsens, begann die Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Haupt- gebäudes der ehem. Papierfabrik und seiner Außenanlagen.

Am 20.09.2005 verkaufte die Gemeinde Obergurig die mit rund 1,3 Mill. Euro Fördermitteln nutzungsneutral sanierte Industrieanlage an die Firma "Raussendorf Maschinen- und Gerätebau GmbH", die hier am 01.12.2005 ihre Produktion aufnahm.

Am 01.07.2006 wurde im Hauptgebäude der ehem. Papierfabrik ein Papierfabrikmuseum er- öffnet, das die gesamte Entwicklungsgeschichte der Papierfabrik sowie das Leben und Wirken des Kunstmalers Karl Franz Adolf Fischer-Gurig, ein Sohn des Papierfabrikbesitzers Carl Friedrich Adolf Fischer, in Wort und Bild dokumentiert; außerdem werden spezielle Kleintechnik und Geräte gezeigt.